Worte, die die Welt nicht braucht, oder

darf ich bitte die Ausdruckspolizei leiten? Zunächst einmal würde ich alle diese Phrasen auf Stelzen verbieten, die nur dazu dienen, Sätze zu verlängern, Denkpausen zu verschleiern oder fehlende Denkfähigkeit zu maskieren: „ich würde sagen“, „von der Sache her“, „je nachdem, wen man fragt“, „äh“ bis „äääääh“, „ich für mein Teil“ (für welchen denn auch sonst? für die anderen), „meine Wenigkeit und ich“, „wir hier“, „grundsätzlich“ … bitte in Gedanken oder in Kommentaren ergänzen!

Dann gibt es so inflationäre Worte im ständigen Wandel. Dies Jahr ist das Unwort „spannend“, das ich „gefühlte“ dreißig Mal am Tag hören muss, und zwar ob es passt oder nicht. „Ich meine“, “ machen wir uns nichts vor“, spannend kann ein Film sein, ein Buch, ein Hörspiel und die Frage, ob Deutschland es in das Finale der Frauenweltmeisterschaft schafft – aber sind politische Entwicklungen „spannend“? Oder die Erfahrung, eine Rhabarbersaftschorle zu probieren? Ist „spannend“ dann nicht vielmehr ein Synonym für „klasse“, „welt“, „endcool“, „krass“ … bitte ergänzen, siehe oben?

Nun hat es solche inflationären Worte und Sprechgewohnheiten ja schon immer gegeben, ich erinnere mich noch gut daran (im Gegensatz zu „ich erinnere, dass“, was nicht nur grammatikalisch falsch, sondern einfach auch ganz, ganz furchtbar ist!!), dass meine Eltern schier durchgedreht sind, weil mein Bruder und ich nur noch comic-talk benutzten (und ich dann schrei und er platsch aua kreisch, ich renn zum Bademeister, aufgeregt erzähl…). Aber das war früher das Privileg der Jugend, heute zieht sich das durch alle Altersklassen, und vor allem Personen des öffentlichen Lebens versuchen sich über die verstärkte Nutzung von It-Sprech (analog zu I-Girls, die haben ja auch keinen Sinn außer Kleiderständerersatz und Projektions- sowie Werbefläche zu sein) an die Jugend anzubiedern.

Das kann nicht klappen, das sollte man spätestens ab zwanzig lassen und lieber ein gepflegtes Deutsch kultivieren. Wenn mir unzählige Adjektive zur Verfügung stehen, um das, was ich meine, präzise zu beschreiben, brauche ich nicht auf cool/krass pp zurück zu greifen. Ich bin nach wie vor daran interessiert, einen Wortschatz – und das ist ein Schatz, im wahrsten Sinne des Wortes, endkrass sage ich euch! – zu pflegen, der es mir ermöglicht, meine Lebenssituation in allen Facetten mit meinen Freunden zu reflektieren – ganz im Gegensatz zu zwei halbnackten jungen Männern, die sich neulich in der S-Bahn von Zehlendorf bis zum Rathaus Steglitz (präzise 12 Minuten, „gefühlte“ 120) äußerst ökonomisch austauschten, indem sie die Worte „Ey“ und „Alder“ in allen denkbaren Kombinationen verwandten, aber kein anderes Wort!

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